Urkunde
zur Verleihung des
Göttinger Elch 2023
an den Autor, Dramaturg, Regisseur, Schauspieler und Musiker
Rainald Grebe
Für das, was Rainald Grebe macht, gibt es keine Berufsbezeichnung. Er singt, spielt Klavier und Gitarre, schreibt Bücher, inszeniert Theaterstücke und Oratorien, schreibt Bücher und tritt als Schauspieler auf – aber ihn als Kabarettisten, Comedian, Schriftsteller, Popmusiker, Dramaturg, Schauspieler, Liedermacher oder Blödelbarden zu beschreiben, greift entschieden zu kurz.
Grebe pflegt auf der Bühne einen äußerst eigenwilligen Kleidungsstil, trägt Baströckchen unterm Sakko und schmückt sich mit bizarren Kopfbedeckungen und fremden Federn. Die Jury des Göttinger Elchs verneigt sich vor einem Mann, dessen komische Kunst alle Dimensionen sprengt. Der wahrscheinlich schon als Kunstfigur auf die Welt gekommen ist. Dass er seinen Zivildienst in einer psychiatrischen Klinik in Bethel bei Bielefeld abgeleistet hat, glaubt man in jeder Zeile zu spüren. Rainald Grebes Komik umgibt etwas beunruhigendes, leicht bis mittelschwer verstörendes, ja hin und wieder sogar bedrohliches. Wenn wir das Flackern in seinen Augen sehen, dann ahnen wir, dass er uns gleich den Boden unter unseren Füßen wegziehen wird. Oft scheint er von sich selbst verwirrt, so als wisse er nicht, welcher Stimme in seinem Kopf er glauben soll. Natürlich ist er ein Profi, er besitzt ein Diplom im Fach Puppenspielkunst, also hat er alles und vor allem uns im Griff. Er spielt den Kaspar und ist in Wahrheit das Krokodil. Oder unser Schutzmann.
Rainald Grebe schreckt auch vor schmutziger Arbeit nicht zurück. Er hat Brandenburg eine Hymne geschrieben und Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen ebenfalls. Rainald Grebe ist ein Ausnahmekünstler, der die Grenzen der Klein- und Großkunst sprengt. Er dringt in komische Galaxien vor, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Er ist der apokalyptische Reiter auf dem Schaukelpferd, unser Reiseführer durch die Berge des Wahnsinns, der zuverlässig dafür sorgt, dass wir den gesunden Menschenverstand verlieren. Dass die Stadt Göttingen ausgerechnet einen Elch als Preis für herausragende Satireleistungen verleiht, könnte eine Idee von Rainald Grebe sein.
Göttingen, 16. April 2023
Petra Broistedt, Oberbürgermeisterin der Stadt Göttingen
Die Jury des Göttinger Elch 2023:
Antje Kunstmann, Verlegerin, München
Hilmar Beck, Gründungsmitglied des Elch, Göttingen
Achim Frenz, Museum für Komische Kunst, Frankfurt am Main
Dr. Peter Köhler, Journalist und Schriftsteller, Göttingen
Christoph Oppermann, Journalist, Wunstorf
Martin Sonntag, Caricatura Kassel
Hans Zippert, Publizist, Oberursel
Eugen Egner, Elch-Preisträger 2022